Filmkritik zu "Atomic Blonde" (Review, Kritik), hier ein Aussschnitt aus dem offiziellen Kinoposter. Ein Actionfilm im Stil von "John Wick" mit Agenten und 80er-Jahre-Flair im Berlin des Mauerfalls. Kinostart: 24. August 2017.
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Stylische 80s-Agenten zwischen Alltagsgrau und Neonnächten: Filmkritik zu „Atomic Blonde“ (Review)

Von am 11. Juli 2017

„Atomic Blonde“ mit Charlize Theron ist ein Film, auf den ich schon Lust bekam, als ich den ersten Trailer gesehen hatte. Und das, obwohl Agentenfilme eigentlich nicht so mein Ding sind. Warum trotzdem? Weil ich die Hoffnung hatte, dass er den „John Wick“-Nerv kratzen könnte. Die Chancen dafür standen gar nicht so schlecht. Heute konnte ich ihn vorab in Berlin sehen. Und jetzt sage ich dir hier in meiner (natürlich spoilerfreien) Filmkritik zu „Atomic Blonde“ , ob sich meine Hoffnungen erfüllt haben. Regulär startet das Leinwandspektakel am 24. August 2017 in den deutschen Kinos.

„John Wick“ war übrigens damals ein Film, der thematisch für mich anfangs ebenfalls gar nicht so wahnsinnig vielversprechend klang. Heute halte ich ihn wie viele andere zu Recht für einen kleinen Kultfilm. Warum? Weil die Hauptfigur ein cooler Hund war. Und damit meine ich nicht Johns knuffigen Vierbeiner, sondern den Titelhelden persönlich. Dann hat mich die Kompromisslosigkeit und kalte Professionalität überzeugt, mit der John vorging. Und außerdem war der Film ästhetisch in vielen Szenen ein echter Augen- und Ohrenschmaus.

Warum ich das hier nochmal so ausführlich erzähle? Weil der ehemalige Stuntman und heutige Regisseur David Leitch nicht nur bei John Wick auf dem Stuhl des Obergestalters Platz genommen hat, sondern nun eben auch bei „Atomic Blonde“. Wieder wartet ein kühler Action-Kracher mit einer Ästhetik, die mich schon im Trailer beeindruckt hat. Den Aufräumer in bester John-Wick-Manier macht diesmal Charlize Theron. Ob sie genauso cool rüberkommt wie Keanu Reeves, erfährst du hier.

 

Die Handlung im Berlin vor dem Mauerfall

Die Handlung von „Atomic Blonde“ (übrigens auf einer Graphic Novel beruhend),  führt uns ins Berlin der späten 80er Jahre. Wie befinden uns kurz vor dem Mauerfall. Kurz davor im Sinne von: Wenige Tage. Währenddessen gibt es Spannungen zwischen verschiedenen Geheimdiensten der Alliierten. Der Grund: Es existiert eine Liste, die Spione beim Namen nennt. Würde sie veröffentlicht, könnte das große politische Folgen nach sich ziehen und für die Geheimdienste rund um die Welt fatale Folgen haben. Und an dieser Stelle kommt MI6 Agentin Lorraine Broughton ins Spiel – verkörpert durch Charlize Theron. Sie soll die ominöse Liste in ihren Besitz bringen. Unterstützen soll sie dabei ein Kollege namens David Percival, gespielt von James McAvoy, der schon seit langem vor Ort in Berlin ist. Dieser wirkt nach dem ersten Kennenlernen aber alles andere als vertrauenserweckend…

Lorraine wird schnell klar, dass sie niemandem trauen kann – außer sich selbst. Es ist ihre einsame Mission, die Liste zurückzugewinnen – und jeden wegzuräumen, der sich ihr dabei in den Weg stellt. Dabei legt sie eine Professionalität und Härte an den Tag, die sie durchaus in der „John Wick“-Liga mitspielen lassen.

 

Die Ästhetik von Bild und Sound

Bereits direkt zu Beginn macht der Film klar, wo es stilistisch hingeht. Die Bilder Berlins sind auf eine Art entsättigt, wie man es sonst nur von hippen Instagram-Accounts kennt. Fast grau kommt die Metropole daher. Die Titelsequenzen hingegen ploppen in schönster 80er Jahre Neon-Ästhetik auf, umgeben von Sprühspuren wie bei Graffiti. In den Polen dieser Farbästhetik entspinnt sich dann auch das gesamte visuelle Universum von „Atomic Blonde“.

Im Alltag, sowohl in West als auch in Ost, ist Berlin grau. Nicht aber für die Agenten in ihren „Rockstar-Momenten“. Kaum bewegen sie sich in „ihrer“ Welt, ohne Normalbürger oder Verwaltungsapparat, wird das zu einem optischen Augenschmaus in feinsten Neonfarben. Und dass es Berlin nicht ohne Graffitis gibt weiß ohnehin jeder, der mal da war. Dadurch, dass er sich an diese visuellen Eckpfeiler hält, entwickelt der Film eine große Stringenz und Sogkraft.

Auch sonst sind die Bilder eine Stärke des Films. Handwerklich wurde hier sauber gearbeitet und auch die zahlreichen Actionszenen sind gut gefilmt, geschnitten und aufgelöst – das Tempo stimmt, und man weiß immer, wer sich gerade wo befindet. Das ist leider nicht in jedem Genre-Film der Fall und deshalb entsprechend positiv zu vermerken.

Untermalt wird das alles durch bekannte Songs des 80s-Synthie-Pop. Das trägt gut zur Atmosphäre bei und hat mir gefallen, weil ich die Musik sehr gerne mag. Allerdings muss man auch sagen, dass die Sounduntermalung nicht immer in einem konkreten Bezug zur jeweiligen Handlung steht. Sie ist oft nur ein angenehmer Klangteppich, der ein wenig für sich selbst steht.

 

Die Körperlichkeit der Actionszenen

Die Action kommt in diesem Film erwartungsgemäß alles andere als zu kurz. Von Autoverfolgungsjagden über Schießereien und Faustkämpfe werden alle Standards zur Genüge bedient und gekonnt in Szene gesetzt.

Was dabei auffällt, ist die Brutalität der Darstellung. Die entsteht aber nicht aus Effekthascherei, sondern aus einer enormen Körperlichkeit der Szenen.

Da der Film in Rückblenden erzählt wird, sehen wir gleich zu Beginn, wie Lorraine ein Bad nimmt. Mit zitternden Händen gießt sie sich einen Wodka ein und schon erfahren wir, warum das nötig ist: Ihr ganzer Körper ist zerschunden. Ein blutunterlaufenes Auge, Blutergüsse überall. Ihr ganzer Rücken ist mehr oder weniger ein großer blauer Fleck. Wir sehen: Das hier ist kein Superheldenuniversum. Diese Kämpfe tun weh.

Und sie bringen die Protagonisten an ihre Grenzen. Besonders stark ist eine Szene in einer leer stehenden Wohnung. Lorraine hat in brutalen Nahkämpfen bereits einige Gegner ausgeschaltet und sucht nun Zuflucht dort. Aber ihre Feinde sind ihr auf den Fersen. Es entwickelt sich ein Zwischen-Showdown zwischen malträtierten, erschöpften Kontrahenten, die kratzen, beißen und mit jedem greifbaren Gegenstand ächzend und zitternd aufeinander einschlagen. Selten habe ich bei einer Kampfszene in einem Actionfilm so mitgelitten wie hier. In solchen Momenten bietet der Film großes Genrekino.

Aber auch in den unrealistischeren Szenen funktioniert der Film: Charlize Theron dabei zuzusehen, wie sie – untermalt vom schmissigen 80s-Soundtrack – eine ganze Gruppe Polizisten mit einem Gartenschlauch verprügelt, macht einfach Laune.

 

Die Leistung der Darsteller

Im Mittelpunkt des Films steht Charlize Theron als Lorraine Broughton. Sie trägt den Film alleine auf ihren geschundenen, kraftvollen Schultern. Selbst James McAvoy und John Goodman, die ich beide sehr schätze, wirken gegen sie diesmal „nur“ sehr solide. Charlize Theron sticht hervor und spielt die Rolle mit einer hohen Intensität, voller Körperlichkeit und Präsenz.

Damit steht und fällt in meinen Augen der gesamte Film. Hätte die Darstellung der Hauptfigur nicht funktioniert, wäre das ganze Konzept in sich zusammengefallen und zu einer rein ästhetischen Hülle verkommen. Charlize Theron aber erfüllt die Rolle mit Kraft und durchleidet den Film intensiv, im positiven Sinne.

Zwar hat die Figur nicht allzuviel Tiefe, aber das macht nichts. In der Scheinwelt der Agenten ist ohnehin nichts authentisch. Aber Theron gibt ihrer Lorraine viele kleine Momente der Menschlichkeit, ohne dabei Schwäche zu zeigen. Und wenn man ihr dabei zusieht, wie sie minutenlang Blut spuckend oder schwer atmend, voller Erschöpfung und Schmerz um ihr Leben ringt und danach mit Eiswasser und Wodka das Schreien ihres geschundenen, blau geprügelten Körpers betäubt – dann nimmt man ihr das ab und nimmt ihre Kraft und ihr Leid vor der Leinwand geradezu körperlich wahr.

 

Die Stadt als Protagonist

Auch wenn zahlreiche Agenten aus verschiedenen Fraktionen auftauchen – im Wesentlichen geht es um zwei Personen, die in diesem Film aufeinandertreffen: Agentin Lorraine und die geteilte Stadt Berlin in all ihrer Zerrissenheit in der Zeit des Mauerfalls. Es wird auch extra thematisiert, dass die Britin zuvor noch nie an der Spree war. Es ist das erste Aufeinandertreffen einer besonderen Stadt mit einer besonderen Frau.

Repräsentiert wird diese Stadt zum einen durch sich selbst, im Alltag gezeichnet durch viel Grau und dennoch viel Charme, in den Nächten und in der Agentenszene als pulsierendes, stylisches Neonspektakel.

Zum anderen aber spiegelt sich die Stadt Berlin auch in der Figur des David Percival, der seit Jahren dort sein Agentenleben lebt und komplett mit der Metropole verwachsen ist. Ihre Schizophrenie findet sich in seiner undurchsichtigen Art, seinen Job zu machen, wieder –  unter anderem hat er das Schmuggeln zwischen West und Ost zur Perfektion entwickelt. Er funktioniert in diesem Mikrokosmos. Während Lorraine als Eindringling die von ihm geschaffene chaotische Ordnung angreift und anfängt, alles in seinem windschiefen Leben zu attackieren, bröckelt parallel auch das geteilte Berlin weg. Umso mehr Percivals Einfluss schwindet, umso mehr schwindet auch sein Berlin.

Eine wunderbare Analogie, die gekonnt in Szene gesetzt wurde.

 

Fazit meiner Filmkritik zu „Atomic Blonde“

Mir hat der Film gut gefallen. Er hat mich über die gesamte Dauer gut unterhalten und zu keiner Zeit gelangweilt. Und das, obwohl ich Agentenfilme wie gesagt eigentlich gar nicht so gerne mag.

Die Handlung war mir im Kino dann aber auch gar nicht so wichtig. Sie ist wesentlich komplexer als bei „John Wick“, ohne wirklich Tiefe zu entwickeln. Und so wahnsinnig spannend fand ich die Dramaturgie des Agenten-Katz-und-Maus-Spiels auch nicht. Aber das spielte für mich alles keine große Rolle.

Denn handwerklich und formal ist der Film eine Wucht. Wie die grauen, entsättigten Farben des Alltagsberlins und der Verwaltungsebende der Geheimdienste mit den starken Farben der Agentenwelt und des Nachtlebens kontrastiert wurden, hat mir (gerade als langjähriger Wahlberliner) viel Spaß gemacht.

Auch die Synthie-Pop-Musik fand ich toll, weil ich sie auch sonst gerne höre. Klar, zeitweise wurde sie eher als Klangteppich ohne großen Bezug zur Handlung eingesetzt, aber sie hat viel zum coolen 80s Style des Films beigetragen.

Charlize Theron spielt groß auf und regelt in „Atomic Blonde“ mal so richtig gediegen. Man merkt einfach, dass sie in jeder Szene absolut zu 100% präsent ist.

Überragend fand ich neben den guten Bildern vor allem die extreme Körperlichkeit. Die Kämpfe sind hervorragend choreographiert, haben aber keine Leichtigkeit. Alles wird erkämpft, jeder Meter. Es fließen Blut und Schweiß. Es geht an die physische Substanz. Es wird gekeucht wie nach einem Marathon und die Kraft wird knapp. Das macht noch keinen realistischen Film, aber es erdet die Actionszenen auf eine Art, die sie begreifbarer und damit erlebbarer und auf diese Weise dann eben doch realer machen.

Ist dieser Film nun der neue „John Wick“? Nein. Er fühlt sich anders an. Er hat weniger Leichtigkeit und weniger Spielerisches. Aber er hat genau wie der moderne Genreklassiker eine ganz eigene, gelungene Ästhetik und eine eigene Brutalität.

Nach dem Film habe ich mich noch mit ein paar Journalisten- und Bloggerkollegen unterhalten und die Meinungen gingen sehr auseinander. Während ich zu den positiven Stimmen gehörte, fanden einige andere „Atomic Blonde“ zu meiner Überraschung eher schwach. Es ist also nicht so einfach, eine allgemeingültige Empfehlung abzugeben, der Film ist wohl stärker als viele andere Geschmackssache. Was ich dir aber sagen kann: Wenn es dir weniger um die Handlung und mehr um die Ästhetik geht, so wie sie im Trailer zu sehen ist, dann könnte dir dieser Film sehr gut gefallen. Mir jedenfalls hat er viel Freude bereitet. Dieser Film hat eine Menge Style.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Kinostart: 24. August 2017

Wirst du dir „Atomic Blonde“ ansehen? Oder hast du das vielleicht sogar schon? Falls ja – wie hat er dir gefallen? Stimmst du mit meiner Filmkritik zu „Atomic Blonde“ überein? Schreib es mir in die Kommentare, ich freue mich immer über Feedback.

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Frank
Berlin

Macht schon lange irgendwas mit Medien und jetzt auch irgendwas mit Blogs. Zu oft am Arbeiten. Zu wenig beim Serie schauen, Comic lesen und Brettspielabend. Gibt sich aber Mühe. Liebt Tim und Struppi, nerdige T-Shirts und Mario Kart. Filmfreak, Gelegenheitszocker und Magic-The-Gathering-Veteran. Geeking since C64.

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Damn...rest in peace, George Romero. Every single zombie show/film owes you their gratitude for paving the way in this genre. Thank you.

Ist #AtomicBlonde der neue #JohnWick? Ich konnte den Film vorab sehen und habe eine Review dazu geschrieben: https://t.co/kQckmK7jWx

Ich schaue mir gleich #atomicblonde an. Bin gespannt, ob der Film hält, was der Trailer verspricht.

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